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Prof. Dr. Gerd Wedler

  • Tätigkeit: Professor im Ruhestand (†13.09.2008)
  • Organisation: Department Chemie und Pharmazie
  • Abteilung: Lehrstuhl für Physikalische Chemie II

 

Nachruf

Gerd Wedler wurde am 19. August 1929 in Braunschweig als Sohn des Rektors Ernst Wedler und seiner Frau Martha geboren. Nach dem am Gymnasium Martino Katharineum abgelegten Abitur begann er im Sommersemester 1949 mit dem Studium der Chemie an der damaligen Technischen Hochschule Braunschweig und wurde in die Studienstiftung des Deutschen Volkes aufgenommen.

Zur Anfertigung der Diplomarbeit schloss sich Gerd Wedler dem Arbeitskreis von Prof. Dr. Rudolf Suhrmann an. Bereits 1955 legte er seine Dissertation vor mit dem Thema „Über den Zerfallsmechanismus der Ameisensäure am Nickelkontakt“. Anhand der Messungen des elektrischen Widerstandes konnte er unterscheiden zwischen dem Zerfall in CO und H2O bei erhöhter Temperatur und der Bildung von CO2 und H2. Die Thematik der Dissertation, nämlich die Erforschung der Primärschritte der heterogenen Katalyse, begleitete Gerd Wedler sein ganzes Forscherleben lang.

Mit Prof. Suhrmann wechselte Gerd Wedler an die Technische Hochschule Hannover, an der er 1960 seine Habilitationsschrift mit dem Thema „Über eine Methode zur Bestimmung der differentiellen Adsorptionswärme an aufgedampften Filmen“ abschloss. In dieser Arbeit wurden bis dahin unerreichte experimentelle Bedingungen realisiert: Ultrahochvakuum von 10-10 mbar, Messung von Temperaturänderungen der Größenordnung 10-6 K im Bereich zwischen 77 und 273 K, sowie die Bestimmung von Adsorptionswärmen bei Belegung mit weniger als 1/20 einer Monoschicht. Damit war das Tor zu einem neuen Forschungsfeld geöffnet, der „Surface Science“.

Ruf nach Erlangen

1966 nahm Gerd Wedler den Ruf auf den neu eingerichteten Lehrstuhl Physikalische Chemie II an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen an. Dieser war provisorisch u.a. in von der Pharmazie abgegebenen Räumen im alten Chemie-Gebäude in der Fahrstraße 17 untergebracht. Zu den ersten Aufgaben gehörten daher der Abbruch der für seine Arbeit unbrauchbaren Ausstattung und der Aufbau einer neuen, den geplanten Forschungsvorhaben angepassten Laboreinrichtung. Der 1972 erfolgte Umzug in das neue Chemie-Gebäude an der Egerlandstraße brachte eine erhebliche Vergrößerung der Forschungsflächen mit sich und erlaubte damit auch eine Ausweitung der Forschungsaufbauten und bearbeiteten Themen. Von besonderem Vorteil war dabei eine räumlich und personell hervorragend ausgestattete Glasbläserwerkstatt.

Die direkte mikrokalorische Präzisionsmessung von Adsorptionswärmen und Reaktionswärmen wurde schwerpunktmäßig in Erlangen fortgesetzt. Hinzu kamen die Bestimmung des elektrischen Widerstandes von Metallfilmen, die systematische röntgenografische Untersuchung der Struktur aufgedampfter Metallfilme und die Messung von Thermodesorptionsspektren.

Ab Ende der siebziger Jahre wandte sich Gerd Wedler dem konsequenten Studium von adsorptionsbedingten Änderungen der Struktur von Adsorbentien und Katalysatoren zu. In Kombination mit neu hinzugekommenen Techniken wie Elektronenmikroskopie und Elektronenbeugung sowie später der Photoelektronenspektroskopie wurden die Ergebnisse sorgfältig abgesichert.

Als in den achtziger Jahren kommerzielle Neodym-Laser verfügbar wurden, begann Gerd Wedler diese für zeitaufgelöste Untersuchungen der Desorption von CO auf Fe(110)-Oberflächen einzusetzen. Es konnte gezeigt werden, dass die Desorptionssignale einer Maxwell-Boltzmann-Verteilung entsprechen, deren Temperatur bei tiefen Temperaturen mit der berechneten maximalen Oberflächentemperatur übereinstimmt, bei hohen Temperaturen aber kleiner ist. Die Abnahme der Belegung wird durch ein Zeitgesetz erster Ordnung beschrieben.

In den 1990er Jahren lag ein Schwerpunkt der Wedlerschen Arbeiten bei der Untersuchung des Adsorptions- und Reaktionsverhalten kleinerer Kohlenwasserstoffe, der katalytischen Hydrierung von CO2 an Eisen, Kobalt oder Nickel und der Aktivierung von Katalysatoren durch Kalium. Gerd Wedler war 1993 Mitbegründer des Sonderforschungsbereichs „Mehr-komponentige Schichtsysteme“, in den er Arbeiten über das Wachstum und die Eigenschaften von Eisensiliziden einbrachte.

In den Jahren nach seiner Emeritierung 1995 sind von Gerd Wedler noch mehr als 20 Arbeiten erschienen. In ihnen ging es einmal um die Wechselwirkung verschiedener adsorbierter Spezies und ihre Auswirkung auf deren Anordnung auf der Oberfläche (Co, Cu, Fe, Si), zum anderen um die Untersuchung der katalysierten Reaktionen, wenn mehrere Reaktanden vorhanden sind. Im Falle von CO2, H2 und Ethen auf Co wird z.B. die Hydrierung von CO2 geblockt, solange Ethen in der Gasphase vorhanden ist. Umgekehrt beeinflusst CO2 in keinster Weise die Hydrierung von Ethen, weshalb ein komplexes Gemisch von Kohlenwasserstoffen entsteht.

Ein besonderes Anliegen Gerd Wedlers war es immer, durch parallele Untersuchungen mit mehreren der zur Verfügung stehenden Techniken (UPS, XPS, AES, TDS, Röntgen, LEED und TEEM) ein stimmiges Gesamtbild zu erarbeiten und die Reaktionen nicht nur unter Hochvakuumbedingungen sondern auch bei Normaldruck zu studieren.

Die Ergebnisse seiner Forschung hat G. Wedler in mehr als 200 Originalarbeiten publiziert, die die Entwicklung der „Surface Science“ seit deren Anfängen widerspiegeln.

Ebenso das Fach prägend waren und sind seine Beiträge in diversen Monografien, wie z.B. in den Klassikern: Physikalisch-Chemische Praktikumsaufgaben (Arnold Eucken und Rudolf Suhrmann, 1960) oder Praktische Physik (F. Kohlrausch, 1968), sowie das Kapitel über „Physikalische Chemie“ in der Enzyklopädie „Naturwissenschaft und Technik“ (1981). 1970 erschien das Buch „Adsorption“, das 1976 in der englisch-sprachigen Version „Chemisorption. An Experimental Approach“ herauskam.

Lehrbuchautor

Als Lehrbuchautor ist G. Wedler seit dem Erscheinen der ersten Auflage (1981) seines „Lehrbuch der Physikalischen Chemie“ unzähligen Chemie-Studenten bekannt. Ein Grund für den Erfolg dieses ersten modernen deutschen Lehrbuchs ist zweifelsfrei, dass sich G. Wedler bemüht hat, „Argumentationen der Art “wie leicht einzusehen ist“ oder „wie leicht abzuleiten ist“ zu vermeiden“ (Zitat aus dem Vorwort zur ersten Auflage). Fünfzehn Jahre nach dem Erscheinen der ersten Auflage hat G. Wedler das Lehrbuch durchgreifend überarbeitet, um neueren Entwicklungen in Form und Inhalt Rechnung zu tragen. Das Lehrbuch ist 2012 in 6. Auflage erschienen, wobei nach dem Tode von Gerd Wedler dankenswerter Weise Prof. Hans-Joachim Freund als Koautor fungiert. Er hat einige Erweiterungen vorgenommen, so dass das Buch auch hinsichtlich der neueren Entwicklungen aktuell ist. Überdies gibt es jetzt ein Arbeitsbuch dazu mit den Lösungen der im Lehrbuch enthaltenen Übungsaufgaben.

Neben der sorgfältigen Erledigung der Aufgaben in Lehre und Forschung hat sich Gerd Wedler stets im Rahmen der Selbstverwaltung und anderen Gemeinschaftsverpflichtungen zur Verfügung gestellt. In den Jahren 1974-1977 und 1987-1989 war er Dekan der Naturwissenschaftlichen Fakultät II. Er war Mitorganisator der Hauptversammlung der Deutschen Bunsengesellschaft für Physikalische Chemie 1973 in Erlangen sowie 1985 Organisator eines Bunsenkolloquiums mit dem Thema „Phase Transitions on Solid Surfaces“.

Die Deutsche Bunsen-Gesellschaft für Physikalische Chemie hat Gerd Wedler in Würdigung seiner Verdienste in Forschung und Lehre 1996 mit der Bunsen-Denkmünze ausgezeichnet.